Gigantische Atmosphäre

Seiler und Speer rockten den Ökonomiehof – Ein herrlicher Mix

ELLINGEN – Das schreit nach einer Fortsetzung. Das erste Ellinger Gutsfest hat voll eingeschlagen. Die Location mit dem Charme der in die Jahre gekommenen Gebäude passte perfekt. Die Bandauswahl war großartig. Und auch das Drumherum war eine komplett runde Sache. Kein Wunder, dass sich auch das Wetter von seiner besten Seite zeigte und mit milden Temperaturen bis in die Nacht belohnte.

Seiler und Speer tragen die Verantwortung für den Termin mitten im Juli, denn eigentlich war das Gutsfest schon für 1. April geplant. Doch die „Ham kummst“-Chartbreaker wurden mit ihrem neuen Album nicht rechtzeitig fertig und verschoben ihre Tour.

Veranstalter Erik Scheffel von ES Events wurde auf Juli vertröstet. Doch das Warten hat sich gelohnt. Die beiden lieferten mit ihrer fünfköpfigen Band eine fast zweistündige Show mit viel Power, in der sie sich ziemlich komplett durch die beiden CDs spielten. Los ging es mit Krachern wie „Bonnie und Clyde“ und „I wü ned“, die schon mal das Tempo vorgaben. Die rund 2 000 Menschen im Ökonomiehof gingen von der ersten Minute an begeistert mit.

Wer bislang nur die beiden Hits „Ham kummst“ und „Soits Leben“ kannte, musste sich lange gedulden. Die gab es nämlich erst als Zugabe –
aber dafür mit einem riesigen Chor. Denn den Refrain von „Ham kummst“ hatte jeder der Besucher drauf. Und wer weit genug vorne an der Bühne
stand, zückte auch gleich sein Handy, um alles festzuhalten – inklusive dem großen Finale mit Tausenden kleinen Papierschnipseln, die auf die Bühne
regneten.

Vor den Zugaben zeigten Christopher Seiler und Bernhard Speer, dass sie die Fußstapfen österreichischer Größen wie Rainhard Fendrich, Wolfgang
Ambros oder der Ersten Allgemeinen Verunsicherung bestens ausfüllen können. Schöne, einfache Melodien, die an jedes Lagerfeuer passen,
mischen sie problemlos mit Rock-, Hip-Hop- oder Ska-Elementen. Bernhard Speer war schon am Nachmittag mit umgehängter Gitarre auf dem
Areal unterwegs und spielte und sang, wo immer er gerade niemandem bei den letzten Vorbereitungen störte. Da hatte jemand offensichtlich richtig
Lust auf den Auftritt.

Vor Seiler und Speer hatten Fools Garden die Stimmung gut angeheizt. 26 Jahre gibt es die Band schon und sie ist irgendwo zwischen Brit-Pop und
Pop-Rock angesiedelt. Von Anfang an dabei sind Peter Freudenthaler und Volker Hinkel, die sich nach Ellingen Dirk Blümlein zur Verstärkung  mitgebracht hatten. Sie spielten und sangen sich mit großer Freude durch ihre eigene Musikgeschichte, wobei sie zum Einstieg „What if God was one of us“ von Joan Osborne wählten. Der „Lemon Tree“ machte die Band 1995 weltweit über Nacht populär und sorgt dafür, dass die Pforzheimer noch heute in Sydney, Tokio oder New York auftreten. Als sie in Ellingen den Zitronenbaum besangen, gab es kein Halten mehr und nicht nur das Publikum, sondern auch die anderen Künstler im Backstagebereich oder die Security-Mitarbeiter sangen mit Inbrunst mit.

Obwohl die Bandgeschichte von Fools Garden stark mit einem Ferienhaus in der Nähe von Meinheim verbunden ist, wo Anfang der 90er-Jahre
einige Songs entstanden, war das Gutsfest der erste Auftritt in der Region. Aber es soll nicht der letzte bleiben, versprach Freudenthaler.

Mehr als nur Musik Schwerer taten sich die Jungs von Freiraum5, die die Hauptbühne am frühen Abend bespielten. Die Österreicher, die eingängige Texte mit rockigen Riffs rüberbringen, sind in Deutschland noch wenig bekannt. In ihrer Heimat hatten sie schon ordentliche Charterfolge. Aber in  Altmühlfranken wird man demnächst öfter Menschen mit einem roten T-Shirt herumlaufen sehen, auf dem zu lesen steht: „Ich hab vergessen wie du
heißt“ – eine Zeile aus dem Song „Holen“.

Doch das Gutsfest bestand eben nicht nur aus der Hauptbühne, sondern es war beständig etwas geboten. In den Umbaupausen trieben sich
Strabande, Me & Reas und Dos Diamonds auf dem Gelände herum und sorgten für Straßenmusik, bei der man gerne stehen blieb. Ein schnittiges
Kinderprogramm, eine abwechslungsreiche Gastromeile und eine Ausstellung außergewöhnlicher Fotografien des Weißenburgers Jochen Wieland (er
arbeitet mit der Kollodium-Nassplatten-Technik aus dem 19. Jahrhundert und erzielt damit eine besonders intensive Wirkung seiner Schwarzweißbilder).

Daneben gab es noch die Bühne im Ochsenstall. Das historische Gewölbe hat ein umwerfendes Flair und man kann nur hoffen, dass der Raum künftig
häufiger für Veranstaltungen offen steht. Unter anderem standen dort Heischneida auf der Bühne und sorgten für einen Mixtur mit Sprengkraft. Die Niederbayern frönten ihrem Hang zur Blasmusik und verfeinerten den Sound mit gequälten E-Gitarren, wuchtigem Schlagzeug und energiegeladenem Gesang. Die Hartgesottenen erlebten an gleicher Stelle zu später Stunde noch die Punkrocker „The Toasters“ mit ihrem derben Sound. Viele Besucher erlebten das aber nicht mehr. Sie verabschiedeten sich nach Seiler und Speer gegen 23.15 Uhr. So mancher Papa musste seinen Nachwuchs sogar schon während des Auftritts der Österreicher auf der Schulter schlafend raustragen.

Das war wohl der größte Kritikpunkt, den man der rundum gelungenen Veranstaltung machen kann: Für einen Freitagabend, ging das schon ziemlich lange. Das Programm wäre an einem Samstag – so wie ursprünglich geplant – sicher besser aufgehoben gewesen. Aber das lässt sich ja nächstes Jahr ändern. Veranstalter und fürstliche Familie als Eigentümer des Areals denken bereits über eine Fortsetzung 2018 nach.

Textrechte: Weißenburger Tagblatt, Autor: Robert Maurer

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